Und ewig ordnet die gestalt... (Die Kulturologie ist eine krisenfeste Wissenschaft)

Die Kulturologie ist eine krisenfeste Wissenschaft

[23]

Die menschlichen Willen stehen in vielfältigen Wechselbeziehungen zueinander: jede Beziehung ist eine gegenseitige Wirkung, die von der einen Seite getan und gegeben und von einer anderen Seite empfangen und erlitten wird. Diese Wirkungen sind aber so beschaffen, daß sie entweder zur Erhaltung des anderen Willens oder zu seiner Zerstörung tendieren: bejahende oder verneinende. Auf die Verhältnisse gegenseitiger Bejahung soll das Folgende sich ausschließlich beziehen.

So etwa beginnt Ferdinand Tönnies seine berühmte Schrift «Gemeinschaft und Gesellschaft — Communismus und Socialismus als empirische Culturformen» [24] aus dem Jahre 1887. Er gab mit ihr der Wissenschaft von den sozialen Gestalten entscheidende Impulse. Denn in der Tat: Kulturgestalt entsteht nur, wenn sich Menschen gegenseitig fördern, helfen und unterstützen. Bedingung für Kultur ist ein soziales Verhältnis, d.h. ein positives Handeln zwischen Menschen, ohne Berücksichtigung ihrer Motive und Ziele. Das Soziale muß gewollt werden, sonst ist es nicht! Vor diesem Hintergrund soll hier die ordnende Kraft ästhetischer Systeme erläutert werden, deren sozialanthropologische Begründung sicherstellt, daß sie auch im 21. Jahrhundert die Menschen ordnet — zu Kulturotopen, das heißt zu Lebewesen einer ganz eigenen Art.

DAS AESTHETISCHE URTEIL IST DAS SUBSTANZ-SCHAFFENDE URTEIL

Die Eigenart des ästhetischen Urteils hat wohl niemand treffender herausgearbeitet als der preußische Denker Immanuel Kant. Er veranschaulicht in seiner «Kritik der Urteilskraft» von 1790, daß das ästhetische Urteilsvermögen deshalb so einfach von der Hand geht, weil es eine Aussage über die eigene Lustempfindung ist. Keinerlei Wissen ist nötig, keinerlei überlegung muß irgendetwas kombinieren, keine Rücksicht auf irgendeinen Sachverhalt muß genommen werden, das Urteil kommt ganz von alleine, stellt sich völlig selbsttätig ein und bildet sich in uns meist sogar schlagartig. Seine Energie ist wesenwillig, wie das der Soziologe Ferdinand Tönnies in einem trefflichen Begriff gefaßt hat, d.h. es ist unausweichlich mit unserer geistigen Leiblichkeit gegeben. Die wesenwillige Energie dieses Urteils ist durch keinerlei Taktik getrübt und durch keinerlei Rücksichtnahme oder Angst verbogen. Wir können dieses Urteil sogleich und mit lebendiger Frische formulieren. Selten sind Situationen, in denen es sich erst nach einer gewissen Verzögerung einstellt. Dabei handelt es sich auch eigentlich nicht um ein Nachdenken, sondern um eine Besinnung — die sinnlichen Informationsströme müssen ein wenig gestaut werden, um das Urteil hervorzubringen.

Jedes Mal, wenn einem Menschen etwas ge- oder mißfällt entsteht ein substanz-schaffendes Urteil. Nicht jedes erfindet Neues, nicht jedes setzt sich durch, die meisten imitieren nur — aber jedes Gefallen ist das Ergebnis eines hochkomplexen Vorganges. In einem völlig eigenständigen Prozeß filtert unser geistiges Zugriffsvermögen riesige und im Einzelnen kaum beschreibbaren Ströme von Informationen aller unserer Sinne — wir sprechen in der Regel von fünf Sinnen: dem Geruchs-, Seh-, Tast-, Hör-, und Geschmackssinn, zu denen natürlich noch der innere Gestalt-Sinn kommt, der uns erlaubt kompositorische Unstimmigkeiten zu erkennen, einen Mißklang beispielsweise oder eine kompositorische Auffälligkeit. Das klassifizierende, gliedernde Vermögen unseres Verstandes greift schließlich in diesen Filterungsprozeß ordnend ein und verknüpft den Wahrnehmungsstrom zu einem Urteil. Damit bringt er ihn zum Stehen, er führt etwas Festes, Beharrendes ein, das nun als Urteil und Meinung [25] mehr oder weniger Bestand hat. An Material hat dieses Urteil allein Vorgänge aus dem eigenen Körper geliefert bekommen, es ist ein Urteil ausschließlich über die eigenen Empfindungen.

Das ästhetische Urteil ist ein gänzlich freies Urteil.

Bei jeder Sinneswahrnehmung kann dieses Urteil vorgenommen werden, keine Vorschrift, kein Befehl ist nötig, eben weil das Material allein die im eigenen Körper entstehenden Sinneseindrücke sind. Das ästhetische Urteilsvermögen zeigt den Urteilenden nur mit sich selber beschäftigt und somit in dem Vermögen zu diesem Urteil als völlig frei.

Dies Urteil darf keinesfalls mit dem Verstandesurteil verwechselt werden, das gänzlich anders strukturiert ist. Das Verstandesurteil beschäftigt sich mit einem Stoff, also mit Wissensbeständen und Sachverhalten, die verfolgt werden und nach genauem Studium in vertrauter oder neuer Weise verbunden werden müssen. Das Verstandesurteil in diesem Zusammenhang ist in der Regel ein anstrengendes, an Kenntnisse geknüpftes Urteil, welches natürlich nur dem, der die Sache versteht, dem Sach-Verständigen, dem Experten zusteht und das von anderen, von den Laien übernommen wird. Immer aber ist das Material dieses Urteils eine außen vorhandene Wirklichkeitsstruktur, die gelernt und deren Komponenten in bestimmte, von der Sache gebotene Verhältnisse gesetzt werden müssen — in ein sachgerechtes Verhältnis. Der Urteilende ist eingebunden in diese objektiven Strukturen, d.h. in die Zusammenhänge eines Objektes, was es meist auch so anstrengend macht. Es muß den Gesetzen des Denkens gehorchen, das Denken leitet ihn, er ist, wie Tönnies diesen Willenstypus nennt: hochgradig kürwillig wollen. Das ästhetische Urteil dagegen ist ganz autonom und einfach und fast möchte man sagen: heiter.

Im Gegensatz zum Wissensurteil, das, wie eben gezeigt, einem Sachverhalt folgen, die in ihm herrschenden Regeln beachten muß und deshalb zutiefst gebunden, eben unfrei ist. Es muß ja die ganze Sache mitschleppen, berücksichtigen, muß sie hantieren — bis es schließlich zu einem Urteil kommt, das dann immer noch vom Zweifel angenagt ist — wie man in den Wissenschaften sagt: Das Urteil stimmt, die Aussage trifft zu — bis zum Beweis des Besseren. Der aber kann im nächsten Augenblick schon nötig werden, weil eine neue Erkenntnis die sach-gerechten Verkettungen anders zu verbinden verlangt. Weshalb das Verstandesurteil immer fragil und nur relativ, eben an anderes, äußeres gebunden ist. Und daher unfrei.

Gleichzeitig ist dieses Urteil von enormer Sicherheit.

Das ästhetische Urteil kennt keine Laien, jeder Urteilende ist Experte. ästhetische Urteile sind von traumhafter Sicherheit. Ein Urteil über schön oder häßlich hat organische Tiefe. Deshalb schafft es Substanz, Leben, Lebewesen, eben Kultur, soziologisch gesehen: Kulturotope. Kulturotope sind eine dritte Art [26] von Lebewesen, nach den pflanzlichen und animalischen die «idealischen», wie die Weimarer Klassiker sie nannten, von den Menschen erfunden, um zu ordnen. Es ist auffällig, eine wie große Anzahl von Worten wir entwickelt haben, die auf den zweiten Blick allesamt Synonyme für schön und häßlich sind und die das Duell der beiden Dimensionen im ästhetischen Urteil an vielen Fronten zu unterstützen ermöglichen. So charakterisieren die jungen Leute eine Discothek als super vs. gräßlich, ein Warenhaus als geil oder ätzend, eine Mahlzeit als wohlschmeckend oder scheußlich. Rasch ließen sich Dutzende solcher Wörter in ein semantisches Differential gliedern, das letztlich immer nur das Gefallensurteil mit seinen beiden Achsen «schön» und «häßlich» mißt. Wie immer die einzelnen sprachlichen Ausdrücke lauten mögen, die die beiden Inhaltsdimensionen bezeichnen — sie laufen in ein Urteil von einzigartiger Härte zu.

So wird erkennbar, daß jeder einzelne Mensch, ja auch die Tauben und Lahmen ununterbrochen derartige Urteile hervorbringen und das mit der bestimmtesten Sicherheit. Eine anthropologische Festigkeit liegt vor, die jeden Menschen auf der Erdoberfläche ganz sicher macht. Das Vermögen zu einem Urteil über schön und häßlich, das Gefallensurteil ist unabhängig von Geschlecht, Alter, Beruf, Einkommen, Gesundheitszustand und Hautfarbe. Jeder menschliche Organismus ist dazu begabt, weshalb es jeden Tag milliarden- und trilliardenfach mit der geschilderten Leichtigkeit gefällt wird. Und zu ebensolcher Si-cherheit führt. Die in Verstandesurteilen sehr unsicheren Personen sind beim ästhetischen Urteil genau so sicher wie der gebildete Experte. Der Mensch ist eine ästhetische Urteilsturbine. Hier liegt auch der Grund, weshalb das politische Wahlrecht letztlich ästhetische Urteile auslöst und der Verstand weitgehend keine Rolle spielt — die Chance für alle Demagogen.

Das ästhetische Urteil tritt mit dem Anspruch auf Allgemein-gültigkeit auf.

Dieses Urteil hat eine höchst originelle Wunderstruktur: Es ist zutiefst persönlich und also subjektiv und erhebt doch gleichzeitig mit den Anspruch höchster Objektivität. Wer unser Urteil nicht teilt, wird erstaunt und skeptisch angeguckt. Unser ästhetische Urteil ist einerseits extrem individuell und will gleichzeitig allgemein gültig sein. Während jemand bei einem Verstandesurteil immer noch zögert, und zweifelt, weil er ja möglicherweise ein Argument oder einen Fakt oder eine Zahl vergessen haben könnte, führt die eigene Sicherheit beim ästhetischen Urteil zur festen Meinung, das eigene Urteil müsse allgemein verbindlich sein. Kant arbeitet heraus, wie hier die tiefste Subjektivität mit einem ausgeprägten Gemeinsinn gekoppelt ist. In der Tat sind deshalb soziale Beziehungen durch derartige ästhetische Urteilsgemeinschaften gekennzeichnet. Es ist völlig klar, das hier die Dinge eine wichtige Rolle spielen, sowohl die vorgefundenen wie auch die geschaffenen (Kagan:2001).

Kant selber führt treffliche Beispiele an: jemand könne einem die Vorzüge eines Gedichtes, das einem nicht gefällt, mit Argumenten wohl klarmachen, nicht [27] aber erreichen, daß es einem dann gefällt und erst recht gelänge es nicht, jemandem eine Suppe schmackhaft zu reden, die ihm nicht schmeckt. Im § 34 heißt es deshalb recht plastisch: «Denn ich muß unmittelbar an der Vorstellung desselben die Lust empfinden, und sie kann mir durch keine Beweisgründe angeschwatzt werden». Zum Empfinden der Schönheit einer Ware oder der zufriedenstellenden Erfahrung mit einer schlecht bearbeiteten Reklamation kann man ebensowenig überredet werden wie zu der Liebe zu einem Menschen. ästhetische Urteile sind von aussen nicht zu erschüttern. Auch wenn wir ein solches Urteil tatsächlich revidieren — wie jeder weiß, ist das nur schwer möglich  —, dann spielt sich der zu beurteilende Vorgang, also das Musikstück, die Handlungsweise oder die Speise, zwar außerhalb von unserem Körper ab, das Urteil kommt jedoch erneut, das neue Urteil entsteht wiederum aus uns selber. Es hat die gleiche autonome Genese und kann das alte Urteil deshalb auch verdrängen.

SEINE KULTURSOZIOLOGISCHE BEDEUTUNG

Wegen dieser seiner Eigenarten ist das ästhetische Urteil der Grund für jedes Bündnis, für Verbundenheit auf Dauer. Sozialität ist nur dort dauerhaft, wo sich Menschen um Schönes versammeln. Das Urteil, etwas schön oder häßlich zu finden ist für den Aufbau von dauerhaften Beziehungen von größter Bedeutung. Das Verhältnis zu Menschen und Dingen wird vor allem durch das ästhetische Urteil reguliert. Hier ist es just die Stabilität des Urteils, welches tiefe menschliche Beziehungen und auch Beziehungen zu Dingen ermöglicht. Langandauernd ist es und viele Stürme des Zweifels durchsteht es. Es enthält eine Komponente des Trotzdem, einen starken Willen zum eigenen Urteil — gegen den Rest der Welt. Der Aufbau von Familie, Haus und Hof, einer Firma, einer Stadt, aber auch einem Bücher- und Schallplattenschrank strukturiert das eigene Leben über Jahrzehnte. Aber er ermöglicht auch das, was man Stil nennt. Wir hatten weiter oben gezeigt: Das Soziale muß gewollt werden, sonst ist es nicht. Wir müssen jetzt hinzufügen: Das Gewollte muß gefallen, sonst wird es nicht (mehr) gewollt.

Insofern ist der eigentliche Grund für Sozialität immer eine schöne Gestalt. Eine Sitte, ein Fest, ein Gebäude, ein Theaterstück, eine Staatsverfassung ... Ob das Schöne mit Händen zu greifen oder mit den Augen zu sehen, ob es also grobstofflich ist oder feinstofflich und mit dem geistigen Auge gesehen und von dem inneren Sinn wahrgenommen werden kann — in jedem Fall ist es das Schöne um das sich die Menchen versammeln. Auf diese Weise wird verständlich, daß das Schöne inniger Versammlungsort ist. Für den kultursoziologischen Blick versammeln sich Menchen nur dort freiwillig, wo sie es schön finden. Deshalb ist die Gewohnheit und die Sitte ein solches Gebäude, in dem die Menschen sich wohlfühlen und es gegen das andere, Fremde abgrenzen und verteidigen. [28] Friedrich Schiller hat seine ästhetischen Briefe zur Erziehung des Menschengeschlechtes immer als politische Publizistik verstanden.

Zweitens ist das ästhetische Urteil aber auch der Grund für allen Wandel. Denn eine Veränderung wird gewollt, wenn irgendetwas nicht mehr gefällt. Es kann sich dabei um ein einzelnes Ding handeln, um eine Komposition von Dingen aber auch um komplexe Handlungs- oder Denkweisen. Der, dem es nicht mehr gefällt kann ein Einzelner sein, es können aber auch tausende werden, die Revolutionen auslösen. Die Menschen wollen es schön haben und deshalb bilden sie schöne Dinge und Strukturen. Wenn diese ihnen nicht mehr gefallen, suchen sie nach Möglichkeiten, noch schönere oder andere schöne zu bilden. Die eigentliche Triebkraft für unser Tun und Treiben ist unser Wunsch nach Schönheit. Wir wollen es schön haben, und also plagen wir uns — für den hübschen Hut, den nächsten Urlaub, den besseren Staat. Das Verlangen nach Gütern wäre längst schon einmal zur Ruhe gekommen, wenn es uns nur um sie selber gegangen wäre. Nie wären wir aus dem Bärenfell und dem Erdloch heraus, nie von den Bäumen heruntergekommen, wenn wir nur nach den angenehmen Gegenständen getrachtet hätten! Nein: Die eigentliche Laus im Pelz der menschlichen Entwicklung ist unser Schönheitswille.

Immer soll es noch schöner werden, für uns, für morgen, für unsere Kinder. Schöner Wohnen, Schöner Essen, Schöner Lieben, Schöner Sterben — es gibt für all dies inzwischen «schöne» Zeitschriften an unseren Kiosken und im Vierfarbendruck führen wir uns solche Schönheitsempfehlungen zu, unserer Phantasie, der ewigen Unruhestifterin. Das Schöne sei unnütz, dem Praktischen nur angeklebt? Nichts ist so praktisch wie das Schöne! Es stärkt die Lebensgeister, öffnet das Gemüt und läßt uns an der Vollendung schnuppern. Die Entwicklung neuer Materialien, die Erfindung neuer Techniken hat die Suche nach Schönheit zum Anlaß. Wenn die Jugend häufig als Grund für den Wandel gesehen wird, so liegt das daran, daß die jungen Menschen als neu in die Welt gekommene Organismen wieder frische ästhetische Urteile produzieren! Und dagegen ist dann kein Kraut gewachsen — wie Immanuel Kant es beschrieben hat. Im Kern unseres Handelns rumort immer ein ästhetisches Urteil. Tatsächlich ist es so: Die Suche nach Schönheit bewegt die Welt. Daß dies auch zu Blut und Tränen führt, ist die Tragik dieser Bewegungen.

Die Dinge spielen dabei eine wichtige Rolle. Schön wird hier zu einem zugleich normativen wie deskriptiv verwendbaren Begriff. Das Schöne als eine bestimmte Art von Gestalt führt dazu, daß Menschen sich darum versammeln, oder anders ausgedrückt: Menschen versammeln sich nur um das, was sie schön finden. Das Schöne ist für sie Geschmacksnorm und ihr ästhetisches Urteil arbeitet mit der charakteristischen Gesetzeskraft. Dieses Normativ-Schöne findet sich nun allerdings in unendli-cher Vielfalt. Ein ästhetisches Urteil bindet nach innen, aber trennt nach aussen. Die Normativität des Schönen führt dazu, daß etwas, was von einem kulturellen Ensemble für schön gehalten wird, von einem [29] anderen als häßlich beurteilt wird. Schön und häßlich sind jeweils ästhetische Urteile aus einer Gestaltgemeinschaft heraus. Das ästhetische Urteil ist also auch verantwortlich für alle Trennungen und Gegensätze, ja Feindschaften.

DIE ROLLE DES AESTEHTISCHEN URTEILS IN DER OEKONOMIE

Gestalt gefällt — oder gefällt nicht. Beim Bummel durch das Kaufhaus ist das Gefallensurteil die auslösende Kraft, denn die Frage nach dem Preis kommt immer erst danach. Erst greift die Hand nach dem Schönen, dann prüft der Verstand die Kosten. Das Verlangen wird von Gestalthaftem ausgelöst, etwas, was man sieht, hört, riecht, schmeckt, denkt, sich vorstellt ... Und die Abneigung auch. Die Möbeleinrichtung bei den Gastgebern genügt, um zu ahnen, daß man hier nicht noch einmal herkommen wird. Monate braucht es manchmal, bis wir die passende Lampe für die Lese-Ecke kaufen konnten — obwohl es doch nur um einen Beleuchtungskörper ging! Nein, es ging um die Vollendung eines Gestaltzusammenhanges. Es ist wie bei einem Akkord, in dem noch ein Ton fehlt — hier fehlte noch eine Ware, aber die mußte genau in die Komposition pas-sen, die vorhandenen Töne vollenden. Welche Art von Urteil wirkt da in uns? Wo liegt die Ursache für diese kompositori-schen Kräfte, die sich im Einzelnen und auch in Kollektiven aktiv zeigen? Es sind die ästhetischen Kräfte in jedem Men-schenorganismus, die gleichen, die auch die großen Kunst-werke hervorbringen. Im Alltag unseres Lebens ist das ästhetische Urteil überall tätig. Es bindet Kollektive nach innen trennt sie nach draußen.

Weil in diesem Prozeß die Dinge so eine wichtige Rolle spielen, ist die ökonomie in hohem Maße eine Kulturwissenschaft. Denn heute sind 99% aller Dinge, die uns umgeben, Waren, d.h. produzierte und gekaufte Dinge. Es ist eine unglückliche Spezialisierung, wenn die Studenten der ökonomie nur den Umgang mit Zahlen gelehrt bekommen. Sie lernen dann nur Verwalten, sie sollen aber Schöpfung und Durchsetzung von Schöpfung lernen. Einem Unternehmer geht es um die Herstellung einer ehrlichen Leistung. Er bringt sie in eine Gestalt. Sein Ziel muß es sein, mit dieser Leistung ein ästhetisches System aufzubauen, um das sich schließlich eine freiwillige Anhängerschaft bildet — eine Kundschaft. Kundschaft ist eine freiwillige Versammlung um Schönes, um schöne Erfahrungen. Sie werden als gut und wahr empfunden und beglücken deshalb. Der Zusammenbruch autoritärer Verwaltungswirtschaften hat seinen Grund vor allem in der ästhetischen Kraft der schönen Waren, die als weltweit verfügbar gewußt werden.

Sich mit einer Leistung einen Guten Namen aufzubauen erfordert vom Unternehmer viele Jahre Detailarbeit und hartnäckige Disziplin. Die vielen Ingenieure und Kaufleute, jede Verkäuferin und jeder Dekorateur ist in diesen wirtschaftlichen Kulturvorgang verantworlich einbezogen. Selbstverständlich gibt es viele Lügner und Charlatane bei diesen Tätigkeiten, aber sie schaffen keine vererbungsfähigen Firmen. Die großen Unternehmer in der Kunst zeigen [30] uns die großen genialen Leistungen, aber im Alltag schaffen die vielen unternehmerischen Köpfe jene Dinge für uns, deren Gestalt wir aus irgendwelchen und höchst unterschiedlichen Gründen schön finden und um die wir uns manchmal seit Generationen versammeln (Spako-wa:1995).

Hier zeigt sich übrigens noch eine weitere Leistung unseres ästhetischen Vermögens: Es ermöglicht uns schnelle Orientierung und Auswahl. Nur mit Hilfe unsere ästhetischen Urteilskraft können wir in einem Warenhaus mit tausenden von Artikeln jenen einen herausfinden, der uns interessiert. Gründe und Argumente spielen bei dieser Suche überhaupt keine Rolle. Sie sind wichtig, wenn wir die Kraft unserer ästhetischen Entscheidung prüfen und uns das gefundene Stück näher angucken. Allein das ästhetische Urteil erlaubt uns schnelle und sichere Orientierung. Auch sonst im Leben. Und es besteht heute vor allem aus Waren. Wenn wir bei einem Leistungshersteller mehrfach die richtige Entscheidung getroffen haben, baut sich Vertrauen auf und wir werden Kunde. Jetzt entsteht stabile Sozialität. Und nur wenn solche Schönheit auf Dauer Menschen um sich versammelt, entsteht Wirtschaftskraft.

Friedrich Schiller hat dies einmal in das Bild vom schön gedeckten Tisch gebracht, der zwar niemanden satt macht, aber jedem die Seele öffnet. Die schöne Gestalt baut durch ihren Ernst wertvolle Austauschsysteme auf — Leistung gegen Geld und Geld gegen Leistung. Der Wille zum Schönen ist die stärkste Energiequelle in der Menschenwelt. Die Marke ist ein solches Energiesystem aus Unternehmensleistung und Kundschaftsvertrauen. Das ökonomische an der Schönen Gestalt ist es, wenn die Menschen erst ihre Seele und dann ihr Portemonnai öffnen. Sie suchen nämlich ununterbrochen Schönes, wenn auch eben in der Gestalt, die sie für schön halten. Aber so unterschiedlich die Gestalt des Schönen empirisch auch ist, immer sind ästhetische Systeme durch Geschlossenheit, kompositorische Stimmigkeit und monadische Struktur-prinzipien gekennzeichnet.

Diese Merkmale müssen aber in ästhetischen Systemen, die für den Markt bestimmt sind und erfolgreich öffentliches Vertrauen aufbauen sollen, in jedem Detail diszipliniert geführt werden. Das ist die Aufgabe des Unternehmers oder des unternehmerischen Kopfes. Der Unternehmer muß die geschlossene, stim-mige Gestalt nach dem Prinzip der Selbstähnlichkeit führen. Denn nur eine in diesem Sinne gestaltete schöne Gestalt bindet auf Dauer Menge zu freiwillig vertrauender Masse und schafft jene wirtschaftlichen Energiesysteme, die Marken genannt werden. Das gilt für CocaCola ebenso wie für das Werk eines Schriftstellers oder ein gut geführtes Museum. Solche Gestaltsysteme sind die Grundlage für den Wohlstand eines Volkes.

FORTSCHRITT ALS GESTALTENTFALTUNG

Wenn wir uns zum Schluß die Themenfrage dieses Bandes vorlegen, so würde ich sie gerne in die Frage nach dem Fortschritt verändern. Fortschritt ist [31] aus diesen gestaltsoziologischen Erkenntnissen heraus die möglichst vielfältige Entfaltung von Gestalt. Das Gestaltpotenzial des Kulturlebewesen Mensch ist noch lange nicht erschöpft. Immer neue Gestaltimpulse machen sich bemerkbar, noch unvorstellbare Gestalt wird geschaffen werden. Die Vernetzung durch die Massenpublizistik setzt uns heute rascher davon in Kenntnis. Damit sind auch Gestaltkämpfe wahrscheinlich. Das ästhetische Urteil ist frei, aber es erhebt auch den absoluten Geltungsanspruch. Seine Intoleranz ist der Grund für den Krieg der Kulturen. Denn das Häßliche ist nicht nur häßlich, es wird auch verachtet und gehaßt.

Die Entwicklung der Technik und überhaupt der Rationalität in ihren Formen erleichtert und beschleunigt die Entfaltung von Gestalt. Die Menschenrechte werden die Anrechte von bislang noch entrechteter Gestalt stärken und die ganze Bewegung wird den Gestaltsystemen noch mehr Dynamik geben. Gegen den Poly-Logos der Gestalt hat der monologische Verstand nur unter bestimmten Bedingungen eine Chance, die ein weiteres Thema sind und hier nicht ausgeführt werden sollen. Hier soll nur erkannt werden: Die Gestalt hat eine sichere Zukunft — und die Kulturologie ist eine krisenfeste Wissenschaft.

Anmerkungen:


  • Kagan, Moissej S., Die Dinge sind die Gene der Kultur, in: K. Brandmeyer, A. Deichsel, Ch. Prill (Hrg.)
  • 4. Jahrbuch Markentechnik 2002/2003, Frankfurt a. M, 2001, S. 379-388.
  • Spakowa, Rimma, Kein Sterben im Frost — Markenphantasien in sozialistischer Not, in: K. Brandmeyer, A. Deichsel, Ch. Prill (Hrg.), 1. Jahrbuch Markentechnik 1995, S. 227-234.

Похожие тексты: 

Добавить комментарий